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29. Juli 2013 12:16

Diesmal keine Esche, dafür ein Ölförderturm: Sieglinde (Anja Kampe), Hunding (Franz-Josef Selig) und Siegmund (Johan Botha).

(Foto: Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiel)

Bei Halbzeit des neuen Bayreuther “Rings der Nibelungen” bleibt sich Regisseur Frank Castorf treu, indem er das Publikum aufs immer Neue überrascht. Wohin er Richard Wagners Vierteiler zu bringen gedenkt, wird sich wohl erst bei der “Götterdämmerung” am Mittwoch weisen. Vorläufig fehlt vom germanischen Mythos jede Spur: Aufs “Rheingold” im Wilden Westen folgte eine “Walküre” im vorrevolutionären Öl-Boom in Baku.

 

Auf geb’ ich mein Werk, Nur Eines will ich noch, das Ende – - das Ende! -” Ganz ruhig steht Wolfgang Koch als Wotan mit einem Kaftan und mit einem in zwei langen Spitzen auslaufenden Bart da und singt den Abschied von seinen Machtträumen wie eine große traurige Schubert-Ballade: verhalten auf Ausdruck wie Spannung konzentriert und subtil begleitet von Dirigent Kirill Petrenko, der dem theatralischen Sinn jeder motivischen Veränderung und Neugruppierung mit lustvoller Phantasie nachspürt. Da sind zwei, die sich verstehen und gleichermaßen differenziert unaufgeregt vom Ende eines großen Traums erzählen.

Es ist dies bisher der musikalische Höhepunkt des neuen Bayreuther “Ring”-Ausbaus, der nach “Rheingold” und “Walküre” nun Halbzeit hat und szenisch einige Rätsel aufwirft. Denn Regisseur Frank Castorf, dessen freche Genialität 30 Jahre schon die Theaterwelt begeistert, lässt bisher nicht erkennen, wohin er Richard Wagners Vierteiler “Der Ring des Nibelungen” zu bringen gedenkt.

Offenbar zielt er als guter dialektischer Materialist auf eine Synthese, die sich aber wohl erst am Mittwoch in der “Götterdämmerung” zeigen darf. Bis dahin müssen die Bayreuthbesucher, die bisher bei exorbitanten Temperaturen Zuschauerschwerstarbeit verrichten durften, mit seinen Rätseln leben.

Der Regisseur zeigte den Vorabend “Rheingold” (die SZ berichtete darüber in einem Teil ihrer Wochenendausgabe) als US-amerikanischen Gangster-Showdown im einsam in der Wüstenwildnis gelegenen Golden Motel.

Das hat der in einen hinreißenden Filmrealismus verliebte Bühnenbildner Aleksandar Denic auf die bewegungsfreudige Drehbühne gestellt. Die “Walküre” dagegen führt die Zuschauer Jahrzehnte zurück, vermutlich, das deutet das Programmheft an, ins vorrevolutionäre Baku am Kaspischen Meer.

Petrenko meidet alles Raunen

Hier kontrollierten einst die Rothschilds den Handel mit dem im Kaukasus geförderten Öl, hier lernte der junge Lenin das Revolutionieren, und hier steht jetzt, wieder auf der Drehbühne, der von Denic liebevoll im Detail aufgeführte frühindustrielle Ölförderturm aus Holz. Was haben der Wilde Westen und der Kaukasus mit Wagners Walhall zu tun?

Den Bezug zu Germanenmythos und deutscher Romantik leugnen diese Locations genauso wie auch die darauf abgestimmten Kostüme von Adriana Braga Peretzki. Auch der Dirigent Petrenko meidet alles Raunen, Bedeutungsheischen und Gewabere.

Er versucht erst gar nicht, im “Rheingold” noch weniger als in der “Walküre”, Wagners munter zerspleißtes Motivgeflecht als großen romantischen Musikstrom zu präsentieren. Petrenko begreift die Musik bildhaft von der Handlung abhängig. Alles was geschieht, auch in den Psychen der Protagonisten, wird von den Klängen und Motiven geschildert, kommentiert, konterkariert. So webt Petrenko mit unbändiger Lust einen fein gearbeiteten Flickenteppich aus Tönen.

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Quelle und Bearbeiter: SZ vom 29.07.2013/pak

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