Donnerstag, 5. Juni 2014

Dschidda – Das Gesundheitsministerium Saudi-Arabiens hat die Zahl der Erkrankungen am „Middle East respiratory syndrome“ (MERS) nach oben revidiert, sieht aber weiterhin Hinweise für ein Abklingen der Epidemie. Wissenschaftler des Landes belegen im New England Journal of Medicine (NEJM), dass Dromedare das MERS-Virus übertragen. Ihre Rolle als natürliches Reservoir ist umstritten.

Die saudische Regierung hatte nach langem Zögern im letzten Monat eine rigorose Untersuchung der Erkrankungszahlen angeordnet. Die jetzt vorliegenden Ergebnisse zeigen, dass deutlich mehr Menschen an MERS erkrankt und häufiger daran gestorben sind, als bisher angenommen.

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Nach einer Pressemitteilung des saudischen Gesundheitsministeriums sind bis zum 4. Juni 688 Menschen an MERS erkrankt, von denen 282 gestorben sind, was eine Case-Fatality-Rate von 41 Prozent ergibt. Sie könnte weiter ansteigen, da sich 53 Patienten derzeit noch in Behandlung befinden (die heutige Statistik des European Center for Disease Control and Prevention, ECDC, weist einen weiteren Todesfall auf).

Unklar ist, ob es sich um einen echten Anstieg der Erkrankungszahlen handelt oder um eine Folge der besseren Dokumentation. Tariq Madani von der König-Abdulaziz-Universi­tät in Dschidda, der leitende wissenschaftliche Berater der saudischen Regierung, neigt zu der zweiten Ansicht. Die Zahl der Neuerkrankungen sei in den letzten Wochen weiter gesunken, behauptet er in der Pressemitteilung.

Auch für die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und die ECDC gibt es derzeit keinen Grund zu Alarmismus oder ausdrücklichen Reisewarnungen, solange es nicht in nennenswertem Umfang zu Übertragungen von Mensch zu Mensch kommt. Solche Übertragungen sind in Einzelfällen in Saudi-Arabien, aber auch in Frankreich, Tunesien, Großbritannien und dem Iran beobachtet worden.

In allen Fällen bestanden jedoch enge Kontakte zwischen Familienmitgliedern  oder eine personelle Nähe in Krankenhäusern. Die meisten der insgesamt 21 Erkrankungen (darun­ter 6 Todesfälle), die bisher außerhalb des Nahen Ostens aufgetreten sind, konnten reiseanamnestisch auf eine Ansteckung in Saudi-Arabien oder den benachbarten Ländern zurückgeführt werden.

Dass dort in erster Linie Dromedare als Überträger infrage kommen, konnte das Team um Madani jetzt anhand der Kasuistik eines 44-jährigen Mannes zeigen, der Ende Oktober letzten Jahres an MERS erkrankt und kurze Zeit später daran starb (NEJM 2014; doi: 10.1056/NEJMoa1401505). In Abstrichen der Nasenschleimhaut des Mannes wiesen die Wissenschaftler RNA des MERS-Coronavirus nach. Sie waren identisch mit der RNA, die bei einem von neun Dromedaren gefunden wurde, die sich im Besitz des Mannes befanden.

Serologische Untersuchungen legten nahe, dass das Kamel infiziert war, bevor der Mann erkrankte, und dass es später auch die anderen Tiere ansteckte. Die Dromedare erkrankten akut und waren nur vorübergehend infiziert. Es ist deshalb unklar, ob sie das natürliche Reservoir der Viren bilden, was eine kontinuierliche Infektionskette voraussetzt. Im Verdacht stehen hier weiterhin Fledermäuse, bei denen eng verwandte Viren gefunden wurden.

Ein anderes Forscherteam hat das MERS-Coronavirus bei einem Dromedar auf einem Schlachthof in Ägypten gefunden (Emerging Infectious Diseases 2014; doi: 10.3201/eid2006.140299). Die Deutsche Gesellschaft für Virologie hält deshalb eine Übertragung von Kamelen auf den Menschen auch in anderen arabischen Ländern für möglich. Die meisten Dromedare gebe es derzeit mit 4,8 Millionen Tieren im Sudan, in Äthiopien gebe es fast eine Million Dromedare, in Saudi-Arabien seien es dagegen nur 260.000. © rme/aerzteblatt.de


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